SGAG-Preis 2006 / Prix SSGA 2006

Sven N. Haudenschild: Versicherungswirtschaft in Transition - Strukturelle Ursachen und strategische Folgen.

(Zusammenfassung der Diplomarbeit)

Fragestellungen

Welche Ursachen liegen der Strukturkrise, welche die Assekuranz im deutschsprachigen Raum in den vergangenen zwanzig Jahren durchmachte, zugrunde ?
Wie versucht die Versicherungswirtschaft das durch die Strukturkrise hervorgerufene Profitabilitätsproblem zu lösen ?
Welches sind unter den aktuell geltenden Rahmenbedingungen die strategischen Herausforderungen und die relevanten Erfolgsfaktoren ?

Modell

Basis der Analysen ist eine Implementierung des wissenschaftlichen Konzeptes der drei dominanten Marktlogiken (Wettbewerbsparadigma)der Assekuranz von Ackermann/Lang (2004). Damit werden drei Phasen definiert und die Prozesse sowie Ursachen der Transition analysiert.
Marktlogik 1: Profitabilität durch Marktabsprachen (bis ca. 1992). Erkenntnisziele: Welche Transitionsprozesse führten zur Öffnung des Schweizer Versicherungsmarktes und welches war das zugrunde liegende Wirtschaftsparadigma? Welches waren die branchen- und periodenspezifischen Rahmenbedingungen und wie charakterisierte sich der geltende Wettbewerb?
Marktlogik 2: Profitabilität durch Kapitalanlagen (bis ca. 2000). Erkenntnisziele: Wie reagierte die Branche auf die liberalisierten Rahmenbedingungen und wie vollzog sich der Internationalisierungspfad der Assekuranz? Welcher Tatbestand führte zur Erosion der profitablen Marktlogik 2 und weshalb hatte dies solch gravierende Auswirkung auf die Versicherungsunternehmen?
Marktlogik 3: Profitabilität durch Tagesgeschäft und Kapitalanlagen (ab ca. 2002). Erkenntnisziele: Wie versucht die Assekuranz unter den heute geltenden Rahmenbedingungen ein positives versicherungstechnisches Kerngeschäft zu realisieren? Welches sind die strategischen Eckpunkte zur Sicherung des langfristigen Unternehmenserfolgs?

Chronologie der Liberalisierung, Deregulierung und Entkartellisierung.
Chronologie der Liberalisierung, Deregulierung und Entkartellisierung.

Methodik

Neben Literatur- und Internetrecherche wurde vor allem 19 strukturierte resp. halbstrukturierte (problemzentrierte) Experteninterviews geführt, welche dazu dienen sollten, fundierte und tiefgründige Erkenntnisse über die Sachverhalte zu erbringen.

Ergebnisse

Die Assekuranz erlebte im gesamten deutschsprachigen Raum in den vergangenen zwanzig Jahren ihre bis anhin grösste Strukturkrise. Die Diplomarbeit sieht den Auslöser hierzu in der Mitte der 1970er Jahre aufgetretenen Krise des fordistischen Akkumulationsregimes. Die durch das neue neoliberale Paradigma initiierten Liberalisierungsbestrebungen („Neoliberales Projekt“) führten gegen Ende der 1980er zu einem deregulierten Versicherungsbinnenmarkt. Die Wettbewerbsfreiheiten gingen mit einer deutlichen Reduktion der Prämientarife einher. In der Folge löste sich das jahrzehntelange Wettbewerbsparadigma „Profitabilität durch Marktabsprachen“ auf und die versicherungstechnische Profitabilität des Kerngeschäfts erodierte zunehmend.

Auf der Suche nach effizienten und zukunftsträchtigen Wertschöpfungspotentialen konnten die Versicherungsunternehmen von der für sie typischen Verbundproduktion profitieren. Getragen von blühenden Aktienmärkten generierten die Versicherungsunternehmen trotz defizitärem Kerngeschäft grosszügige Einnahmen aus dem Kapitalanlagegeschäft und implementierten so das Wettbewerbsparadigma „Profitabilität durch Kapitalanlagen“. Die liberalisierten Rahmenbedingungen und die beträchtlichen stillen Reserven erlaubten den Unternehmen, ihre Europäisierung voranzutreiben. Parallel zum in der Weltwirtschaft feststellbaren Trend von Brown- und Greenfield-Investitionen hin zu oftmals feindlichen Mergers & Acquisitions wechselten auch zahlreiche Versicherungsunternehmen im Laufe der 1990er Jahre ihren Besitzer. Dieser europaweiten Konsolidierungsphase fielen auch traditionelle Schweizer Versicherungsunternehmen zum Opfer. Der Einbruch der globalen Finanzmärkte im Jahr 2001 beendete diese Phase. Spekulative Finanzgeschäfte, ein historisch tiefes Zinsniveau und zum Teil massiv überhöhte Fehleinkäufe im Zuge der M&A-Welle hatten für die Versicherungsunternehmen schwerwiegende Eigenkapitalverluste. So wurden die in der vorangegangenen Wachstumsphase angehäuften finanziellen Reserven grösstenteils vernichtet und das Wettbewerbsmodell „Profitabilität durch Kapitalanlagen“ erwies sich als nicht nachhaltig.

Anschliessend erfolgte eine Rückbesinnung auf die Profitabilität des Kerngeschäfts. Um dem neuen Wettbewerbsmodell „Profitabilität durch Tagesgeschäft und Kapitalanlagen“ gerecht zu werden, ist eine Combined Ratio (Schaden-Kosten-Quote) von deutlich unter 100% notwendig. Dies bedingt aber die Implementierung eines grundsätzlich überarbeiteten Erfolgsfaktorenprofils. Die Unternehmen müssen die zunehmende Komplexität des Versicherungsmanagements erkennen und der steigenden Volatilität der Weltwirtschaft Rechnung tragen. Die Führungskräfte müssen in der Lage sein, Finanzdienstleistungskooperationen einzugehen und in neuen Dienstleistungsnetzwerken zu agieren. Für kleinere und mittlere Unternehmen können sich dabei durch Sourcing-Strategien und Kooperationen neue Chancen eröffnen. Im Rahmen der Konzentration auf das Kerngeschäft wird das Verständnis des neuen, versicherungstechnischen Handwerks der individuellen Prämienkalkulation in Zukunft wesentlich zum Unternehmenserfolg beitragen.

Dennoch kann angesichts der fortlaufenden Konzentration auf das Kerngeschäft eine Vernachlässigung des Kapital- und Risikomanagements fatale Folgen für den langfristigen Unternehmensfortbestand haben. Durch die verschärften aufsichtsrechtlichen Anforderungen der Re-regulierung, das wachsende Spektrum an Anlageinstrumenten, die zunehmende Volatilität der globalen Finanzmärkte sowie die steigende Erwartungshaltung der Anlage wird die Assekuranz in Zukunft zu einer rigorosen Professionalisierung des Risiko- und Anlagemanagements gezwungen sein.

Um jedem betriebswirtschaftlich relevanten Risiko eine adäquate Eigenkapitaldeckung zu gewährleisten, lenken die neuen Solvabilitätsvorschriften den Blick auf die Eigenkapitalausstattung der Gesellschaften und stellen so neue Anforderungen an das gesamte Risikomanagementspektrum einer Versicherungsgesellschaft. Daraus resultiert, dass jene Gesellschaften in Zukunft einen Wettbewerbsvorteil haben werden, denen es gelingt, ihren Eigenkapitalbedarf zur Deckung der eingegangenen Risiken so gering wie möglich zu halten. Die Eigenmittelstärke wird also deutlich wettbewerbsrelevanter sein. Das macht Risikomanagementinstrumente zur Unternehmenssteuerung notwendig. Daher ist es möglich, dass sich die Versicherungen im Sinne eines Value based Managements noch verstärkt auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und nicht zwangsläufig eine vollständige Produktpalette anbieten werden.

Stand 8. 3. 2007

Schweizerische Gesellschaft für Angewandte Geographie (SGAG)
Société Suisse de Géographie Appliquée (SSGA)

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