SGAG-Preis / Prix SSGA
Jürg Suter: Inwertsetzung einer internationalen Bahnlinie durch die zentralen Pyrenäen. Bedürfnis- und Umsetzungsstudie für den Personen und Güterverkehr auf der Linie Zaragoza - Canfranc - Pau.
(Zusammenfassung der Diplomarbeit)
Problemstellung und Zielsetzung
In dieser Studie werden die Möglichkeiten für die Realisierung
des Angebots im Personen- und Güterverkehr hinsichtlich der Bedürfnisse
auf der Eisenbahnstrecke Zaragoza - Canfranc - Pau untersucht. Da der grösste
Teil des Landverkehrs durch die Pyrenäen derzeit auf der Strasse
abgewickelt wird, werden die schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt
immer mehr spürbar. In Europa besteht ein zunehmender Druck zur
verursachergerechten Zurechnung der externen Verkehrskosten. Eine Vielzahl
von Aspekten wie die wachsenden Verkehrszahlen, die Arbeitsteilung in
Europa, die Auswirkungen des Strassenverkehrs auf die Umwelt, die
verkehrspolitischen Unterschiede zwischen einzelnen Staaten, die
Liberalisierung des Schienenverkehrs, die Probleme bei Grossprojekten für
neue Verkehrskorridore, die eigenen technischen Normen in den einzelnen Ländern,
die Entwicklung neuer Technologien für die Betriebsführung auf
konventionellen Eisenbahnlinien usw. lassen die Canfranc-Strecke in ein
neues Licht rücken, mit dem sich die vorliegende Arbeit beschäftigt.
Die Zielsetzung bestand darin, die Bedürfnisse nach
Schienenverkehrs-Angeboten im Personen- und Güterverkehr zu
beschreiben und erklären sowie die Möglichkeiten für die
Realisierung dieser Angebote abzuschätzen.
Zusätzliche Informationen http://www.canfranc.ch
Im Vergleich mit den Alpen nehmen die Gütertransporte auf der Schiene durch die Pyrenäen nur einen sehr kleinen Anteil ein.
Theoretische Grundlagen und Untersuchungsmethoden
Den Untersuchungen liegen die vernetzte Denkweise - konkretisiert mit
Netzwerkdiagrammen und Vernetzungsmatrizen - sowie ausgewählte
statische bzw. dynamische Modelle wie das Gravitationsmodell und die
Nutzwertanalyse zu Grunde.
Es kommen qualitative und quantitative Methoden, vergleichende Analysen
und eine interaktive Betriebssimulation zur Anwendung: Die Nachfrage wurde
mit Umfragen im Einzugsgebiet der Eisenbahnstrecke, Experteninterviews,
Sekundärdaten und Beobachtungen untersucht. Für die Herleitung
und Prüfung der Möglichkeiten, die die Canfranc-Strecke für
Verkehrsunternehmen bietet, wurde ein dynamisches Simulationsmodell auf
der Grundlage des Programms OPEN TRACK erstellt. Als Instrument für
die übersichtliche Darstellung der Ergebnisse bezüglich Möglichkeiten
des Angebots dient ein grafischer Fahrplan, in Form eines
Weg-Zeit-Diagramms der Züge auf der Canfranc-Strecke.
Ergebnisse
Es zeigt sich, dass die Wiederaufnahme des durchgehenden internationalen Eisenbahnverkehrs auf der Canfranc-Strecke mit den vorgeschlagenen Massnahmen technisch möglich und ökonomisch sowie ökologisch sinnvoll ist. Es ist darauf hinzuweisen, dass die Strecke einspurig ist, und deshalb eine eingeschränkte Transportkapazität vorliegt. Dieser Umstand wirft die Frage nach dem Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen hinsichtlich der Wiedereröffnung dieser Strecke auf. Diese Diplomarbeit versucht, einige wichtige Grundlagen hierzu heraus zu arbeiten. Die Infrastruktur dieser Gebirgsstrecke bestimmt weitgehend die Grenzen für die Möglichkeiten der Betriebsführung. Dazu wurden die Verhältnisse anhand vergleichbarer Konzepte aus dem Alpenraum wie die Züge der Rollenden Landstrasse (RoLa), die Züge des Unbegleiteten Kombinierten Verkehrs (UKV), der InterRegio- und Regional-Express-Züge (die gleichzeitig der Grundversorgung und dem Tourismusverkehrs dienen) sowie die Betriebsführung auf den schweizer Steilstrecken der Südostbahn und auf der Lötschberg-Linie untersucht. Sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr wird die Angebotsqualität als wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Canfranc-Linie festgestellt. Mit einem Modellfahrplan, der die Verkehrzeiten aller gewünschten Züge auf der gesamten Linie enthält, werden die Möglichkeiten für die Realisierung des Angebots im Personen- und Güterverkehr abgeschätzt. Mit dem Simulationsprogramm OPEN TRACK kann die Machbarkeit dieses Modellfahrplans in vielen Varianten (z.B. mit Störungen, Verspätungen) nachgewiesen werden. Daraus können die Transportkapazitäten und die Wirtschaftlichkeit berechnet werden, welche für den Güterverkehr über 4,5 Millionen t-km pro Tag und für den Personenverkehr 4,2 Millionen Personen-km pro Tag beträgt. Mit zusätzlichen technischen Massnahmen könnte diese Transportkapazität nochmals gesteigert werden. Die Ergebnisse der Diplomarbeit zeigen, dass die Canfranc-Strecke kostendeckend betrieben werden kann, sofern die externalisierten Kosten zumindest teilweise internalisiert und umverteilt sowie die Regionalzüge im Sinne der öffentlichen Grundversorgung abgegolten werden. Die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene ist auf dieser Strecke technisch und betrieblich möglich. Sowohl im Bereich Tourismus als auch im Regional- und Fernverkehr bestehen Bedürfnisse nach Transportangeboten, die jedoch stark von der Angebotsqualität (Fahrplandichte, Anschlussverhältnisse zwischen Zügen und anderen Verkehrsmitteln, Beförderungszeit usw.) abhängen.
Ausschnitt aus dem Geschwindigkeits-Weg-Diagramm des Regionalzugs 3001 von Zaragoza-Delicias gemäss dem ausgearbeiteten Musterfahrplan. Die Angaben über die zurückgelegte Strecke sind sehr genau ablesbar was sich auf die entsprechende Darstellung der Kapazität auf der ganzen Strecke auswirkt. Solch genaue Angaben sind nur dank dem Simulationsprogramm OPEN TRACK der ETH Zürich möglich und für die vorliegende Arbeit sehr wertvoll.
Schlussfolgerungen
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass die Eisenbahnstrecke Zaragoza - Canfranc - Pau nach erfolgter Kostenzurechnung gemäss Verursacherprinzip (aus wirtschaftlicher Sicht) wieder durchgehend in Betrieb genommen werden kann. Der Druck auf leistungsfähige Schienenverkehrsachsen durch die Pyrenäen wird in den nächsten Jahren stark ansteigen. Um den Bedürfnissen im Personenverkehr gerecht zu werden, wird ein gemischter Betrieb von Personen- und Güterzügen empfohlen. Ein grosser Vorteil der Canfranc-Strecke liegt darin, dass sie sogar kurzfristig in Normalspur ausgebaut, elektrifiziert und wieder durchgehend in Betrieb genommen werden könnte.
