SGAG-Preis / Prix SSGA
Simon Brugger: Schwimmen gegen den Strom: Wege und Strategien zum Schulerfolg bei Migrationshintergrund. Qualitative Forschung an einem aargauischen Gymnasium
(Zusammenfassung der Diplomarbeit)
Problemstellung und Zielsetzung
Die Schweiz gehört zu jenen Ländern, in denen Jugendliche mit Migrationshintergrund grosse Mühe haben, bildungsmässig mit den einheimischen Jugendlichen mitzuhalten. Besonders Jugendliche mit türkischen oder ex-jugoslawischen Wurzeln wählen im Normalfall Ausbildungen mit tiefem Anforderungsprofil. Die Diplomarbeit untersucht die Gründe, warum dennoch einzelne Jugendliche - trotz Stolpersteinen im Schulsystem - die gymnasiale Stufe erreichen. Dabei kommen die Themenfelder Schulübertritte, Einstellungen von Lehrpersonen, Entscheidfindungsprozesse der Jugendlichen, individuelle Motivation und Handlungsstrategien zur Sprache. Zuletzt werden im Sinne von 'best practice' die erfolgreichsten Strategien ausgearbeitet.

Die Ampel als Veranschaulichung für das Erklärungsmodell.
Die Arbeit beginnt mit einer ausführlichen Darstellung des aktuellen Forschungsstandes bezüglich Migration und Bildung, sowie den dazu bestehenden Theorien (Pierre Bourdieu; Raymond Boudon). Im Anschluss werden deren Forschungslücken aufgezeigt. Im empirischen Teil der Arbeit wurden qualitative Leitfadeninterviews mit SchülerInnen (mit Hintergrund Türkei und Ex-Jugoslawien) an einem Gymnasium im Aargau durchgeführt, mit Experteninterviews ergänzt, und mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse (nach Mayring) ausgewertet.
Ergebnisse
Das Resultat: Überdurchschnittlich viele Jugendliche mit Migrationshintergrund Türkei / Ex-Jugoslawien müssen einen Umweg absolvieren, um ins Gymnasium zu gelangen. Der Migrationshintergrund stellt für die erste und die zweite Generation ein starkes Handicap dar.
- Ein erstaunlich hoher Anteil der interviewten GymnasiastInnen mit
Migrationshintergrund hat akademisch ausgebildete Eltern, welche grossen
Einfluss auf den Ausbildungsgang ihrer Kinder nehmen. In diesen Fällen
verläuft die Schulkarriere meist gradlinig.
- Kinder aus bildungsfernen und sozioökonomisch tiefergestellten Verhältnissen
werden meist in Schulen mit tiefem Anforderungsprofil der Sekundarstufe I
hineinselektioniert, was einen späteren Eintritt ins Gymnasium
juristisch ausschliesst. Der Aufstieg in eine Schule mit höherem
Anforderungsprofil (auf der Sekundarstufe I) wird zum entscheidenden
Moment in der Bildungsbiographie, denn erst damit wird der Zugang ans
Gymnasium formal möglich. Typischerweise verfügten diese
Jugendlichen bei ihrer Einschulung noch über keine Deutschkenntnisse.
Jahre später finden sie bei der Entscheidfindung Unterstützung
durch nahestehende Personen. Allfällige berufliche Wünsche
wirken dabei motivierend.
Das neu entwickelte 'transitionstheoretische Ampel-Model'
veranschaulicht am Bild der Verkehrsampel die grundlegenden Mechanismen
und die kritischen Phasen beim Zugang zur Mittelschule.
Ob ein Eintritt ins Gymnasium letztlich erfolgt, hängt mit drei
Faktoren zusammen: Ressourcen (individuell, familiär,
schulisch), Anreizen (Motivation: forderndes Umfeld,
spezieller Berufswunsch) und emotionalen Stützen
(Lehrkräfte, Peers, Verwandtschaft). Dazu kommt der Einfluss von
Zufälligkeiten und Barrieren

Das Modellschema: Recourcen sind etwa: Starker Wille, Selbstvertrauen, Intelligenz, rascher Spracherwerb, Schweizer Freunde, akademisches Elternhaus, hohes Wohlstandsniveau, gute Schule, usw. Anreize (Motivationen) sind u.a.: Vorbilder, der Berufswunsch, sozialer Aufstieg der Eltern, Förderung durch Lehrkräfte oder Klasse. Emotionale Stützen kommen von Eltern und Verwande, Lehrkräften, aus dem Freundeskreis. Zufälligkeiten und Barrieren wären etwa der Wohort, Sprachprobleme, bildungshintergrund der Eltern usw.
Schlussfolgerungen
Um die Unterrepräsentation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf der gymnasialen Ausbildungsstufe zu bekämpfen, werden 41 Ansatzpunkte entwickelt und diskutiert, mit denen auf die Schullaufbahn eingewirkt werden kann. Allgemein sollte eine gesellschaftliche Einstellung entwickelt werden, welche mehr Verständnis für diese jungen Menschen und ihre Situation aufbringt.
