SGAG-Preis / Prix SSGA
Oliver Dreyer: Fallstudie Entwicklungsschwerpunkt
Lyssach-Alchenflüh. Eine Analyse von Standortfakoren,
Entwicklungsprozessen und Nachhaltigkeitsaspekten.
(Zusammenfassung der Masterarbeit, Universität Bern)
Problemstellung
Die Fallstudie zum Entwicklungsschwerpunkt (ESP) Lyssach-Alchenflüh setzt sich mit dem Thema der Standortwahl von Unternehmen und der behördlichen Standortförderung auseinander. Unternehmen sind bestrebt, ihre Filialen an attraktiven, gut erschlossenen sowie erfolgversprechenden Standorten erstellen zu können. Dabei profitieren die Gemeinden von zusätzlichen Steuereinnahmen und einer Zunahme von Arbeitsplätzen, weshalb ihr Interesse an Niederlassungen von Unternehmen in der Regel gegeben ist. Doch da das Angebot an attraktiven Standorten die Nachfrage übertrifft, stehen die Standortgemeinden miteinander im Wettbewerb. Diesen versuchen sie mittels Raumplanungsmassnahmen und Standortförderung für sich zu entscheiden.
Zielsetzung
Ziel der Fallstudie ist es, die wichtigsten Standortfaktoren und die Bedeutung des kantonalen ESP-Programms zu eruieren. Dieses Programm sieht nachhaltige Entwicklung vor, weshalb die Untersuchung auch die diesbezügliche Wirkung einbezieht. Weiter werden die beteiligten Akteure identifiziert und deren Bedeutung für die Entwicklung des ESP Lyssach-Alchenflüh analysiert. Daraus folgend werden raumwirksame Prozesse mit Hilfe von GIS visualisiert. Von Interesse sind dabei die Standortentwicklung sowie die Einzugsgebiete, das heisst die Wohnorte von Kunden und Arbeitnehmenden.
Grundlagen und Methodik
Verschiedene Quellen dienten als Grundlage für theoretische Überlegungen sowie zur Analyse der Standortentwicklungprozesse. In Interviews mit beteiligten Akteuren aus der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand konnten die bedeutenden Standortfaktoren ermittelt werden. Die Akteure wurden auch zur Bedeutung der Standortförderung, dem Fahrleistungsmodell und der Zusammenarbeit untereinander befragt. Um den wirtschaftlichen Erfolg des Standortes beurteilen zu können, wurden unter anderem die Einzugsgebiete der Kundschaft und der Arbeitskräfte aufgezeigt. Dazu wurden die Unternehmen nach den Wohnorten ihrer Arbeitskräfte befragt sowie an zwei Tagen die Nummern von am Standort parkierten Autos erfasst und mit Hilfe der kantonalen Motorfahrzeugkontrollen die Wohnorte der Autohaltenden eruiert.
Ergebnisse


Karte: Ausschnitt aus der GIS-Analyse des Einzugsgebietes.
Die Untersuchung der Entwicklung des Standorts Lyssach-Alchenflüh in den vergangenen 15 Jahren und der wichtigsten Elemente hat ergeben, dass für zwei Phasen der Standortentwicklung je ein Pionier von Bedeutung war. Die Olo Marzipan AG war 1968 mit der Eröffnung ihrer Produktionsstätte der Pionier der ersten Phase mit primär industrieller und gewerblicher Nutzung. Ab 1995 wurde der Standort als kantonaler Entlastungsstandort (ES) bezeichnet und war somit für industrielle und gewerbliche Nutzung vorgesehen. Als zweiter Pionier kann IKEA bezeichnet werden, dessen Filialeröffnung 1996 eine zweite Entwicklungsphase - die Phase der Fachmarktnutzung - auslöste.
Aufgrund der Verlegung der Autobahnausfahrt Kirchberg (Bau Bahn 2000) konnte der ESP-Perimeter erweitert werden. Wegen der sich dadurch ergebenden Ausbaumöglichkeiten wurde im Jahr 2000 der erste Richtplan über das Untersuchungsgebiet erstellt und 2002 das ESP-Programm in den kantonalen Richtplan aufgenommen. In der Folge wurden die Entlastungsstandorte in ESP-Arbeiten umbenannt und für die Arbeitsnutzung vorgesehen. Im Jahr 2004 wurde der Richtplan des ESP Lyssach-Alchenflüh überarbeitet. Die anschliessende und jüngste bauliche Entwicklung im Jahre 2007 bestätigte den Nutzungsschwerpunkt auch als Fachmarktstandort mit vier Möbelanbietern.
Seit 2007 wird ein Fahrleistungsmodell, ein Instrument des
ESP-Programms, angewandt. Pro Tag stehen 15 772 Fahrten zur
Verfügung. Im Sommer 2009 wurde zudem eine Parkplatzgebühr
eingeführt. Sowohl das Modell wie auch die Gebühr sind jedoch
umstritten, was sich unter anderem in widersprüchlichen Aussagen
der Akteure über die Einhaltung der Fahrten zeigt.
Bei der Standortentwicklung konnten zahlreiche private und
öffentliche Akteure identifiziert werden. Die von diesen genannten
entscheidenden Faktoren für die Entwicklung des Standortes und die
Standortwahl der Unternehmen stimmen weitgehend mit den in der
Literatur beziehungsweise in der Theorie genannten Faktoren
überein. Als wichtige Standortfaktoren nannten die Unternehmen die
gute Erschliessung für den MIV, das gute und grosse Einzugsgebiet
mit dem vorhandenem Kaufkraftpotential, das Kundenaufkommen, welches
durch bereits bestehende Geschäfte (in erster Linie durch den
Kundenmagneten IKEA) vorhanden ist, sowie die werbewirksame Lage an der
Autobahn.

Grafik: Enwicklung der Arbeitsplätze im ESP.
Der in dieser Arbeit im Fokus stehende ESP ist ein erfolgreicher Standort, der wirtschaftlich zahlreiche positive Effekte generiert hat. So konnten eine deutliche Zunahme der Arbeitsplätze (Grafik) und ein steuerlicher Effekt auf die beiden Standortgemeinden festgestellt werden. Auch der Kanton Bern bezeichnet das ESP-Programm als Erfolgsmodell und belegt diese Aussage mit verschiedenen Zahlen, insbesondere zur Zunahme der Arbeitsplätze und der Wertschöpfung.
Kein Einfluss wurde dagegen bei der Siedlungsentwicklung bemerkt. Mit den Analysen der Wohnorte von Arbeitnehmenden und der Kundschaft (Karte) konnte gezeigt werden, dass in erster Linie die Region profitiert. Dies spricht für das ESP-Programm. 40% der Arbeitenden wohnen im Umkreis von bis zu fünf Kilometer Luftlinie. 67% der erfassten Autohaltenden wohnen im Umkreis von 20 Kilometer. Bei 30 Kilometer Luftlinie sind 80% der Wohnorte der Autohaltenden abgedeckt.
Obwohl das ESP-Label nicht als entscheidender Standortfaktor benannt
werden kann, zeigte sich die grosse Bedeutung der koordinierenden
Funktion der öffentlichen Akteure, insbesondere des Kantons Berns.
Fazit
Mit den Ergebnissen der vorliegenden Fallstudie konnte
bestätigt werden, dass für Unternehmen relevant sind die
Standortfaktoren gute Erreichbarkeit, Potential des Einzugsgebietes,
dass hingegen die Beeinflussung der Standortwahl durch öffentliche
Akteure gering ist.
Ebenso konnte aufgezeigt werden, wie wichtig ein Kundenmagnet für die weitere Standortentwicklung sein kann.
Die Bilanz zum ESP Lyssach-Alchenflüh zeigt einen insgesamt wirtschaftlich erfolgreichen Fachmarktstandort. Die Beurteilung der Nachhaltigkeit des Standortes muss insbesondere im ökologischen Bereich offen gelassen werden, da bezüglich der Einhaltung der Fahrten eine Unsicherheit besteht.
