SGAG-Preis / Prix SSGA

Nina Helbling: Eine Umweltzone in Bern – Abschätzung der Verhaltensänderungen der Bevölkerung und der verkehrstechnischen Auswirkungen

(Zusammenfassung der Masterarbeit, Universität Bern)

Problemstellung und Zielsetzung

Die Luftverschmutzung in Städten ist eines der bedeutenden Probleme, mit welchem die heutige Gesellschaft zu kämpfen hat. Der Strassenverkehr ist dabei ein wesentlicher Verursacher und trägt dazu bei, dass die Grenzwerte, namentlich für Feinstaub und Stickoxide nicht eingehalten werden. Als Massnahme zur Verbesserung der Luft und zur Reduktion von Schadstoffen wird in verschiedenen europäischen Städten stark verschmutzenden Fahrzeugen der Zugang verwehrt. Die Implementierung einer so genannten „Umweltzone“ wird auch in Schweizer Städten diskutiert.
Neben anderen Kantonen (Zürich, Genf) hat der Kanton Bern eine Wirkungsanalyse in Auftrag gegeben, welche vom Forschungs- und Beratungsbüro INFRAS bearbeitet wird. Um Aussagen über die Wirkung einer Umweltzone aus lufthygienischer Sicht machen zu können, müssen die verkehrlichen Veränderungen bei einer Einführung abgeschätzt werden. Diese hängen stark von den Reaktionen der betroffenen Fahrzeuglenker ab. Mit verändertem Verkehrsverhalten ändert sich der Fahrzeugpark, der Modal Split und die Fahrleistungen. Ziel der Masterarbeit ist es, diese Verhaltensreaktionen abzuschätzen, welche schliesslich als Input für die Emissionsberechnungen von INFRAS dienen.

Methode

Um die Verhaltensabsichten zu erfassen, werden in zwei Parkhäusern der Stadt Bern mündliche Befragungen durchgeführt. Unter Einbezug der Verhaltensforschung werden dabei neben dem prognostizierten Verhalten zusätzliche Daten erfasst: einerseits soziodemographische Angaben zur Person, andererseits mobilitätsbezogene Überzeugungen und Bewertungen, welche in direktem Zusammenhang zur Umweltzone als Luftreinhalte-Massnahme stehen. In Form einer Korrelationsanalyse werden die Variablen überprüft, die als mögliche Determinanten das Verhalten bestimmen.
Ebenfalls werden die Erfahrungen, wie sie in anderen europäischen Ländern bereits gemacht wurden, mithilfe von Experteninterviews in die Untersuchung einbezogen. Die verkehrstechnischen Veränderungen nach der Einführung einer Umweltzone in drei verschiedenen Städten Deutschlands werden mit den Verhaltensabsichten der Bevölkerung Berns verglichen und Schlüsse gezogen.

Ergebnisse

Verhalten nach Binnen-, Ziel- und Quellverkehr

Verhalten Binnenverkehr Zielverkehr Quellverkehr
Anschaffen anderes Fahrzeug 57.4%       17.9%  55.2%
Nachrüsten 0% 0% 0%
Umsteigen auf andere Verkehrsmittel (ÖV, Fahrrad, Mobility, zu Fuss) 29.6% 45% 33.3%
Verzicht auf Fahrt (inkl. anderes Ziel wählen, umfahren) 0% 12.3% 0%
Ausserhalb der Zone parken und mit ÖV, Fahrrad, zu Fuss weiter 4.6% 10.5% 5.2%
Verbot ignorieren (Busse riskieren) 8.3% 1.2% 6.3%
Umzug 0% 5.6% 0%
anderes 0% 7.4% 0%
n gesamt = 51 n = 18 n = 27 n = 16

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung der Stadt Bern im Falle der Einführung einer Umweltzone im Jahr 2012 besonders häufig auf andere Verkehrsmittel (öffentlicher Verkehr, Fahrrad, Mobility, zu Fuss) umsteigen würde. Insbesondere Personen, die ausserhalb der Stadt Bern wohnen und dem Zielverkehr zuzurechnen sind, weisen vermehrt ein entsprechendes Verhalten auf.  Dem Kauf eines neuen Autos, das den Anforderungen entspricht – häufigste Verhaltensreaktion in den Städten Berlin, Hannover und Stuttgart – fällt eine geringere Bedeutung zu. Die Verhaltensabsichten in Bern und die daraus entstehenden verkehrstechnischen Auswirkungen sind nur ansatzweise mit den veränderten Verkehrsmerkmalen in den drei Städten Deutschlands zu vergleichen.
Als Einflussgrössen, die das Verhalten bestimmen, können lediglich Variablen mit direktem Bezug zur Umweltzone identifiziert werden. So sind die Beurteilung der Massnahme hinsichtlich der Luftqualität und des Autoausschlusses sowie die daraus entstehende persönliche Belastung entscheidend für das Verkehrsverhalten. Sozialdemographische Faktoren stellen keine Einflussgrössen dar, durch welche das Verhalten der Bevölkerung erklärbar wäre.

Schlussfolgerung

In Bezug auf eine Wirkungsanalyse müssen die methodischen Einschränkungen der Masterarbeit berücksichtigt werden: Faktoren wie die kleine Stichprobengrösse, die Beschränkung auf den Pkw-Verkehr sowie die Befragung der Fahrzeuglenker unabhängig von der Emissionsklasse ihres Fahrzeuges dürfen nicht ausser Acht gelassen werden.
Ohne das Hinzuziehen von Emissionsberechnungen kann jedoch der Schluss gezogen werden: Wenn das tatsächliche Verhalten der Bevölkerung den geäusserten Absichten entspricht, kann die Umweltzone als wirksames Mittel bezeichnet werden, um die Luftqualität in Bern zu verbessern. Die Reduktion des MIV-Anteils in der Stadt Bern – nicht eigentliches Ziel der Umweltzone – ist dabei ausschlaggebend. Durch den Effekt könnten die Emissionen gesenkt und die Lebensqualität in Bern zusätzlich verbessert werden.

Stand 12. 7. 2011

Schweizerische Gesellschaft für Angewandte Geographie (SGAG)
Société Suisse de Géographie Appliquée (SSGA)

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